Einfach. Sinnvoll. Fördern.

Über Beschwerden unterhalb der diagnostischen Schwelle, die Forschung dazu und was die Nacht damit zu tun haben könnte.
Beim Arzt ist alles in Ordnung. Blutbild gut, Herz gut. „Sie sind kerngesund." Und auf dem Heimweg sitzt man im Auto und denkt: Warum fühlt es sich dann nicht so an?
Ich höre diese Geschichte seit über zwanzig Jahren. Von Müttern, die ihr Kind lieben und trotzdem jeden Abend an derselben Stelle laut werden. Von Männern, die alles erreicht haben und morgens eine Schwere mit zur Arbeit nehmen, die sie keinem erklären können. Von Lehrerinnen, die nach den Ferien genauso leer zurückkommen, wie sie gegangen sind. Bei keinem von ihnen hat eine Untersuchung etwas ergeben. Für das, was sie haben, kennen sie kein Wort. Also halten sie es für einen Teil von sich.
Das Wort gibt es. Es kommt aus der Fachsprache, und ich habe kein besseres gefunden.
In der Medizin gibt es eine Schwelle. Darüber liegt das Klinische, eine Depression zum Beispiel oder eine Angststörung. Dafür gibt es Fachleute und Hilfe, und es ist gut, dass es sie gibt. Unter der Schwelle liegt ein weiter Bereich, den die Forschung „subklinisch" nennt: Beschwerden, die für die Diagnose einer bestimmten Störung nicht ausreichen und die trotzdem da sind. Ob sich dahinter doch etwas Behandlungsbedürftiges verbirgt, kann nur eine Untersuchung klären. Reizbarkeit, die zu schnell kommt. Eine Zündschnur, die über die Jahre kürzer geworden ist. Erschöpfung, die nach dem Urlaub bald wieder da ist. Ein Selbstbild, das enger ist, als man eigentlich ist.
Wer unter dieser Schwelle liegt, hat genug, um den Alltag jeden Tag zu färben, und bekommt trotzdem oft den Satz „Ihnen fehlt nichts" zu hören. Ich erkläre dir, wie ich mir das erkläre. Erst mit einem Bild, dann mit dem, was die Forschung dazu weiß.
Stell dir im Kopf einen Mülleimer vor. Da landet, was ein Tag hinterlässt: der Ärger im Meeting, der Satz, der dich getroffen hat, und all die kleinen Schrecks, die ein Tag heute so liefert. Nachts arbeitet das Gehirn den Mülleimer durch, und am Morgen ist er im günstigen Fall leerer.
Dem Mülleimer ist dabei egal, wessen Gefühle er bekommt. Was du tagsüber von anderen aufnimmst, von deinem Kind, aus einem Elterngespräch, liegt abends genauso drin wie dein eigener Ärger. Wer beruflich mit Menschen arbeitet, nimmt nach meiner Erfahrung abends viel von anderen mit.
Jetzt nimm einen Tag, wie er heute ist. Es kommt dauernd etwas an, und es gibt kaum noch eine Minute, in der nichts kommt. Dazu eine Nacht, die unruhiger ist, als sie sein sollte, weil der Kopf bis zum Einschlafen gelaufen ist. Die Nacht arbeitet mit dem, was sie vorfindet. Ich gehe davon aus, dass sie das, was tagsüber nie zu Ende gefühlt wurde, schwerer abarbeitet, dass dann ein Rest bleibt und dass sich solche Reste über Jahre zu einem Haufen sammeln. Ich rede dabei von Jahren.
So weit das Bild. Jetzt zu dem, was die Forschung weiß.
Nachts arbeitet das Gehirn an Gefühlen weiter. Eine Gruppe um Matthew Walker hat 2007 gesunde Menschen rund 35 Stunden wach gehalten und ihnen danach im Scanner Bilder gezeigt, die immer unangenehmer wurden. Die Amygdala, eine Hirnregion, die an der Verarbeitung von Gefühlen beteiligt ist, zeigte bei den Unausgeschlafenen eine um rund sechzig Prozent stärkere Aktivierung, und ihr Zusammenspiel mit dem Stirnhirn, das eine Reaktion normalerweise einordnet, war im Scanner deutlich schwächer. Walker sprach von einer Entkopplung: Es sei fast so, als falle das Gehirn in ein älteres, roheres Muster zurück.
Vier Jahre später zeigte dieselbe Gruppe die andere Richtung. Menschen sahen belastende Bilder, schliefen eine Nacht und sahen sie wieder. Nach dem Schlaf reagierte die Amygdala schwächer, und die Menschen empfanden die Bilder als weniger belastend. Das hing mit dem Traumschlaf zusammen. Walkers Erklärung, in der Studie selbst nicht gemessen: Im Traumschlaf ist ein Botenstoff, der Gefühle hochfahren lässt, fast still, und so kann das Gehirn eine Erinnerung noch einmal durchgehen, ohne dass das Gefühl erneut hochschlägt.
Ganz einheitlich ist die Forschung hier nicht. Es gibt Studien, die finden, dass Schlaf ein Gefühl eher bewahrt (Baran und Kollegen, 2012). Eine Übersicht über 24 Studien fand 2022 keine einheitliche Abschwächung emotionaler Reaktionen durch Schlaf: Bei körperlichen Reaktionsmaßen zeigte sich kein statistisch gesicherter Effekt, und die subjektive Aufgewühltheit durch negative Reize nahm nach dem Schlaf teilweise sogar zu (Lipinska und Kollegen, 2022). Wann Schlaf ein Gefühl abschwächt und wann er es eher festhält, ist offen.
Ein Befund aus Amsterdam von 2019 passt für mich am besten zu dem, was ich sehe. Rick Wassing und sein Team ließen Menschen Karaoke singen, mit Kopfhörern, ohne sich selbst zu hören. Danach bekamen sie die Aufnahme ihres eigenen schiefen Gesangs vorgespielt, dann durften sie schlafen. Je länger ihr Traumschlaf ungestört lief, desto stärker war die Reaktion der Amygdala auf die Aufnahme am nächsten Morgen abgeklungen. War er oft unterbrochen, ging dieser Effekt ganz verloren. Die Forscher sprechen von einer ungünstigen Art Schlaf. Es waren 29 Menschen und eine einzige Nacht, aber es zeigt: Es kommt auch darauf an, wie ungestört die Nacht ist. Für Wechselschicht ist das wichtig: Tagschlaf ist oft kürzer und häufiger unterbrochen.
Unter der Schwelle kostet es schon etwas. In einer großen Bevölkerungsstudie kamen Menschen mit unterschwelligen depressiven Beschwerden in mehreren Bereichen messbar schlechter durch den Alltag als Menschen ohne solche Beschwerden (Judd und Kollegen, 1996). Und zwanzig Studien, die solche Menschen über längere Zeit begleitet haben, zeigen in den meisten Vergleichen ein erhöhtes Risiko, später über die Schwelle zu rutschen (Cuijpers und Smit, 2004).
Angst lenkt den Blick. Ängstliche Menschen richten ihre Aufmerksamkeit bevorzugt auf das, was bedrohlich sein könnte, und zwar auch dann, wenn sie keine Angststörung haben, sondern nur ängstlicher sind als der Durchschnitt. Das gilt sogar für Reize, die so kurz gezeigt werden, dass man sie gar nicht bewusst wahrnimmt (Bar-Haim und Kollegen, 2007, Auswertung von 172 Studien).
Akuter Stress belegt Platz im Kopf. In rund fünfzig Studien mussten Menschen unter Stress denken, und am besten belegt ist, dass dabei das Arbeitsgedächtnis litt, also der Platz, auf dem man gerade etwas im Kopf behält (Shields und Kollegen, 2016). Das waren kurze Laborsituationen. Ob Belastung über Jahre ähnlich wirkt, haben diese Studien nicht gemessen. In meiner Arbeit sieht es für mich danach aus.
Hier beginnt meine eigene Überzeugung. Die Studien untersuchen jeweils einen eigenen Zusammenhang: Schlaf und emotionale Reaktionen, unterschwellige depressive Beschwerden und den Alltag, Ängstlichkeit und Aufmerksamkeit, akuten Stress und Arbeitsgedächtnis. Die Kette, die ich daraus baue, vom nicht fertig verarbeiteten Rest bis zum vermeintlichen Charakter, ist mein Modell. Durch meine Arbeit mit über 5.000 direkten Klienten und hunderttausenden erreichten Menschen habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein Rest, den die Nacht nicht fertig verarbeitet hat, eine Spur hinterlässt, die wieder anspringt, wenn etwas Ähnliches passiert. Der Tonfall eines Chefs, der an den eigenen Vater erinnert, und in dir reagiert etwas, das älter ist als die Situation. Von innen hält man das leicht für den eigenen Charakter.
Den Begriff subklinisch hat die Forschung. Ich ergänze ihn um eine Erklärung, woher diese Beschwerden kommen können, und nenne das eine subklinische Blockade: einen unverarbeiteten Rest, der in dem Moment zu groß für die Kapazität war und der seitdem mitfärbt. Das ist ein Erklärungsmodell aus dieser Arbeit, kein Befund, und ich arbeite daran, es zu prüfen.
Die Wahrnehmung. Jemand sieht Situationen durch das, was in ihm schon aktiv ist. Ein Kommentar wiegt schwerer, als er gemeint war. Ein Blick wird zur Ablehnung. Bar-Haims Auswertung zeigt, dass Ängstlichkeit mit einer stärkeren Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf bedrohliche Reize zusammenhängt.
Die Reaktion. Ein Becher kippt um, und jemand reagiert schneller oder lauter, als es die Situation verlangt. Im Moment selbst wirkt das oft angemessen. Erst im Nachhinein, oder von außen, sieht man, dass da mehr mitgeschwungen hat als der Becher.
Die Kapazität. Ein Teil des Kopfes ist belegt, und für das, was gerade ansteht, bleibt weniger übrig. Urlaub senkt, solange er dauert, was hineinkommt, und das tut gut. Ob Urlaub solche längerfristigen Belastungen verändert, beantworten die Studien oben nicht. Nach dem, was mir Menschen erzählen, eher wenig.
Wenn mein Modell stimmt, ist ein Teil von dem, was du für deinen Charakter hältst, die Filterleistung eines Kopfes, der seit Jahren mit Resten arbeitet. „Ich bin halt schnell gereizt." „Ich war schon immer so." Kann sein. Ich würde es nicht vorschnell glauben.
Ein Haufen lässt sich abtragen, so erlebe ich es in der Arbeit mit Menschen. Disziplin und gute Vorsätze müssen gegen den Haufen anarbeiten und halten, solange die Kraft reicht. Falsch gemacht hast du dabei vermutlich wenig.
Für den Anfang reicht eine Beobachtung. Achte in den nächsten Tagen einmal auf eine Reaktion, die größer ist als ihr Anlass. Und stell dir hinterher eine einzige Frage: Wie viel davon gehörte zu heute?
Die Frage setzt nichts voraus; vielleicht lautet die Antwort auch „alles". Wenn sie „nicht viel" lautet, sag das einmal laut, dem Kind oder dem Partner: Das gerade war mehr als der Becher. Das trennt den Anlass von dem, was mitgeschwungen hat, und mehr braucht es am Anfang nicht. Wer sich das ein paar Mal gefragt hat, kann irgendwann merken, dass die Brille, durch die er schaut, eine Farbe im Glas hat.
Und wenn du mein Modell ganz hören willst, mit dem, was ich daraus in der Praxis mache: Das zeige ich im kostenfreien IPE-Workshop, online, ohne Vorwissen. Den nächsten Termin und die Anmeldung findest du hier: Zum kostenfreien Workshop.
— Daniel
Erwähnte Studien
- Yoo, S.-S., Gujar, N., Hu, P., Jolesz, F. A. & Walker, M. P. (2007). The human emotional brain without sleep – a prefrontal amygdala disconnect. Current Biology, 17(20), R877–R878.
- van der Helm, E., Yao, J., Dutt, S., Rao, V., Saletin, J. M. & Walker, M. P. (2011). REM sleep depotentiates amygdala activity to previous emotional experiences. Current Biology, 21(23), 2029–2032.
- Baran, B., Pace-Schott, E. F., Ericson, C. & Spencer, R. M. C. (2012). Processing of emotional reactivity and emotional memory over sleep. Journal of Neuroscience, 32(3), 1035–1042.
- Wassing, R., Lakbila-Kamal, O., Ramautar, J. R., Stoffers, D., Schalkwijk, F. & Van Someren, E. J. W. (2019). Restless REM sleep impedes overnight amygdala adaptation. Current Biology, 29(14), 2351–2358.e4.
- Lipinska, G., Austin, H., Moonsamy, J. R., Henry, M., Lewis, R., Baldwin, D. S., Thomas, K. G. F. & Stuart, B. (2022). Preferential consolidation of emotional reactivity during sleep: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 16, 976047.
- Judd, L. L., Paulus, M. P., Wells, K. B. & Rapaport, M. H. (1996). Socioeconomic burden of subsyndromal depressive symptoms and major depression in a sample of the general population. American Journal of Psychiatry, 153(11), 1411–1417.
- Cuijpers, P. & Smit, F. (2004). Subthreshold depression as a risk indicator for major depressive disorder: a systematic review of prospective studies. Acta Psychiatrica Scandinavica, 109(5), 325–331.
- Bar-Haim, Y., Lamy, D., Pergamin, L., Bakermans-Kranenburg, M. J. & van IJzendoorn, M. H. (2007). Threat-related attentional bias in anxious and nonanxious individuals: a meta-analytic study. Psychological Bulletin, 133(1), 1–24.
- Shields, G. S., Sazma, M. A. & Yonelinas, A. P. (2016). The effects of acute stress on core executive functions: a meta-analysis and comparison with cortisol. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 68, 651–668.
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